Foodsharing: Ein Tag als Lebensmittelretterin

von Eva Zöchling

Lebensmittelverschwendung ist ein bekanntes Problem. Doch ist es wirklich so schwer, dieser Verschwendung in gewissem Maße vorzubeugen. Ich habe es für dich ausprobiert:

Wie ist es, 24 Stunden lang Lebensmittel vor der Mülltonne zu retten?

Mit der Initiative Foodsharing kannst du Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden dürfen, aber noch gut sind, vor der Mülltonne retten. Der ehrenamtliche Verein kooperiert mit über 8.000 Betrieben in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu fix ausgemachten Zeiten können Foodsaver*innen Lebensmittel, die sonst weggeworfen werden müssten, bei Supermärkten, Bäckereien, Gastronomiebetrieben oder Märkten abholen.

Ich finde diese Idee genial und habe mir Foodsharing für dich genauer angesehen. Am 29.01.2021 machte ich mich nach Wien auf, um bei einer von vielen Foodsharing-Marktabholungen als Tragehilfe dabei zu sein:

Vollbepackt mit Einkaufswagen, Rucksack und Taschen warte ich mit meiner Schwester Debora am Treffpunkt. Neugierig halte ich nach den anderen Foodsaver*innen Ausschau. Da kommt auch schon eine junge Dame mit großem Rucksack und Rollwagen auf uns zu. Sie stellt sich gleich als Laura vor und verwickelt mich in ein Gespräch. Wow, ich kenne sie gerade ein paar Minuten und sie spricht mit mir, als wäre ich ihre Freundin. Erstaunliche Community, diese Foodsaver*innen. Aber direkt sehr sympathisch.

Ich scanne den Markt nach weiteren Lebensmittelretter*innen ab. Ah, da geht einer mit Warnweste und Einkaufswagen, der ist sicher auch ein Mitglied. Debora hat mich im Vorhinein aufgeklärt, dass Warnwesten die Erkennungszeichen an diesem Abholungsort sind. So wissen die Händler*innen gleich, mit wem sie es zu tun haben. Auch für die Marktbesucher*innen ist erkennbar, dass das keine Einkäufer*innen sind. Zusätzlich gibt es einen Foodsharing-Ausweis. Somit ist es unmöglich, sich fälschlicherweise als Foodsaver*in auszugeben und gratis einzukaufen. Außerdem werden wir hinter den Marktständen entlang gehen, damit der Marktbetrieb nicht gestört wird. Mittlerweile ist unsere Rettungstruppe vollständig: vier Foodsaver*innen und zwei Tragehilfen. Die Anzahl der Foodsharer*innen variiert je nachdem, wer gerade Zeit hat.

Wir teilen uns auf zwei Gruppen auf (rechte und linke Marktreihe) und beginnen mit unserem Beutezug. Im Hintergrund beobachte ich, was jetzt geschieht. Die Foodsaver*innen stellen sich kurz vor und bekommen direkt eine riesige Ladung Bananen gereicht. Ich staune nicht schlecht, als der große blaue Ikea-Sack schon nach dem ersten Stand voll ist. Wahnsinn, wie viel hier weggeworfen werden würde! Aber das ist erst der Beginn. Von Stand zu Stand wird mir unsere Lebensmittelproblematik immer mehr bewusst. Mit den geretteten Waren könnten viele Großfamilien problemlos ernährt werden! Ich kann und will es nicht glauben.

Aber zum Glück landen zumindest jetzt einige Kilogramm Obst und Gemüse nicht in der Mülltonne, sondern in unseren vielen Taschen. Wir sind freundlich zu den Händler*innen und sie zu uns. Jede*r freut sich, dass wir kommen und sie nichts wegschmeißen müssen. Doch bald bin ich gefühlte hundert Kilo schwerer. Meine kleine Gruppe schaut aus, als würden wir monatelange verreisen und dort kein Essen bekommen. Jede*r Foodsharer*in hat in jeder Hand mindestens eine prall gefüllte Tasche. Auch die Rucksäcke und Einkaufswägen werden immer voller. So schnell wie alles begonnen hat, ist es schon wieder zu Ende. Am Schluss der Marktreihen gibt es erneut einen Treffpunkt. Dort beginnen meine Schwester und ich mit dem Sortieren der Beute. Die anderen von unserer Truppe gehen zur zweiten Gruppe zurück und helfen ihnen beim Tragen. Schon jetzt bin ich überwältigt von der Menge an Lebensmittel, die vor mir liegen. Allerdings befindet sich hier nur die Hälfte.

Viele Lebensmittel liegen auf einem Asphaltboden: Bananen, Tomaten, Paprika, Rettiche, Karotten, Zuchini, Mandarinen, Gurken, Salat
Diese Lebensmittel sind nur die Hälfte dieser Foodsharing-Abholung

Die anderen Foodsharer*innen kommen zu uns und wir verteilen unsere Waren. Jede*r nimmt sich, was er*sie brauchen kann. Aber nachdem sich alle bedient haben, ist immer noch sehr viel übrig. Deshalb darf sich jetzt jede*r Vorbeigehende*r mitnehmen, so viel benötigt wird. Diese Begegnung ist für mich prägend. Die Leute sind so dankbar für unsere Lebensmittel und können es kaum glauben, dass wir ihnen alles schenken. Sie bedanken sich ganz herzlich und trauen sich anfangs gar nicht, viel zu nehmen. Die restlichen Waren werden wieder gerecht aufgeteilt. Jede*r nimmt abermals so viel mit, wie er*sie tragen und verteilen kann.

In Deboras WG angekommen, entladen wir unsere vollen Taschen, Rucksäcke und den Wagen. Nun sortieren wir, was gleich verarbeitet werden muss und was sich noch länger hält. Anschließend kochen wir aus den Tomaten mit Druckstellen ein Sugo ein. Das ist sehr praktisch, einfach, schmeckt lecker zu Nudeln und hält sich lange. Aus den Unmengen an Bananen machen wir Bananenmilch und viele Kuchen mit Bananencreme. Mein Bruder holt sich auch Bananen und Sugo ab. Die restlichen sehr reifen Bananen verschenken wir an Freunde und Nachbarn. Die WG-Kolleginnen und meine Familie freuen sich sehr über die leckeren Mehlspeisen.

Zwei Menschen stehen beim Herd; die rechte Person rührt gerade einen Topf voller Tomatenstücke um
Debora (links) und Ich (rechts) beim Einkochen unserer geretteten Tomaten

Ich bin froh und stolz auf das, was ich in den paar Stunden geleistet habe. Retten fühlt sich einfach gut an!

Wäre das auch was für dich? Wenn du meinen Blogbeitrag über die Initiative Foodsharing noch nicht gelesen hast und gerne noch mehr Informationen haben willst, wie das alles abläuft und wie du Teil der Bewegung werden kannst, ließt du hier.

Ich beschäftige mich mit Nachhaltigkeit und Lebensmittelverschwendung und blogge hier im Rahmen meines Freiwilligen Umweltjahres.

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